Dem Champagner auf der Spur

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6:49 Uhr, es will einfach nicht werden. Nochmal umdrehen, sekundenlang wach liegen, halb nach acht, die Sonne lacht. Und es gibt frisches Baguette.

Heute ist einer wenn nicht sogar der schönste Tag, daher wäre doch mal eine längere Tour angedacht. Und in meinem Lieblings-Routenplaner (dem schon verstorbenen Motorrad Tourenplaner 2008) gibt es ja auch eine Tour aus dieser Gegend. Und so viel hat sich jetzt nicht verändert, als dass man die Tour nicht abfahren könnte. St. Dizier ist immer noch St. Dizier. Auch an derselben Stelle.
Das Frühstück mit Nachrichten lesen zieht sich wieder und die Uhr deutet mir an ... kein Wunder, dass ich nicht in Urlaubsstimmung komme, wenn ich immer noch mein "bis x Uhr muss ich aber" ... das Büro lässt grüßen.

Ich muss nichts, ich habe Urlaub. Aber jetzt muss ich los. ~250 km liegen vor und unter mir. Doch entgegen meiner sonstigen Mentalität, nämlich zu versuchen so schnell zu fahren wie man auch fahren darf, lass ich es heute - warum auch immer - langsam rollen, nach der Tour letztendlich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 48,5 km/h. Das ist einer neuer Langsamrekord.
Aber nicht schlimm, ich muss ja nichts, ich habe Urlaub. Sofort nachdem ich auf die Hauptstraße abgebogen bin, wird mir auch schlagartig klar, warum es auf französischen Landstraßen so viele Unfälle gibt:
Kilometerlang Tempo 90, manchmal auch nur 70 und dazu genauso lange Überholverbote. Und wenn dann mal ein bis zwei Kilometer das Überholverbot aufgehoben wird, dann wird auch überholt auf Teufel komm raus. Da scheren auch gerne schon einmal drei Wagen hintereinander aus und überholen einen LKW, auch wenn der dritte Fahrer eigentlich gar nichts sehen kann - und der Gegenverkehr war schon verdammt nah!
Vielleicht sollte der Herr Philippe das mal in Betracht ziehen ...
Aber ich muss ja nicht auf der Hauptstraße entlang, das Navi will mich ja durch die Landschaft führen und so folge ich der Tour nach der Touristik-Route des Champagners. Doch statt Champagner ist es mehr eine Rapsodie (ja, ohne "h").
Denn zwangsläufig frage ich mich, wie es die Franzosen schaffen den weltweiten Bedarf der Edelbrause zu decken, da geschätzte 50% der Felder an denen ich vorbeifahre, Raps hervorbringen.
Weinberge gibt es eher so ~20%! Wahrscheinlich ist es mit dem Champagner so, wie mit dem Darjeeling: es wird weitaus mehr verkauft, als überhaupt hergestellt wird.
On y soit qui mal y pense ...

Den Schlenker um St. Dizier spare ich mir heute, hinter Dizier bin ich ja gestern schon hergefahren, da tanke ich lieber und einkaufen fürs Abendessen muss ich ja auch noch ...

Das Tanken in Frankreich geht mir auf den Sack!
Tut mir leid, aber das kann ich nicht anders sagen. Tanken in Frankreich ist abseits der Autobahnen in Ortschaften und kleineren Städten immer noch ein echtes Abenteuer.
Nachdem ich im "Intermarche U" einkaufen war fuhr ich noch an die Tankstelle des Supermarktes (ja, die haben nicht nur eine öffentliche Waschmaschine auf dem Parkplatz, die verkaufen auch noch Benzin!).
Tankstelle anfahren, "Legen Sie die Karte ein", "Wählen Sie die Benzinsorte", " ... Karte abgelehnt ... muahahaa, versuch dein Glück woanders, Penner! Sieh zu, woher du Benzin bekommst, hier jedenfalls nicht. Nicht mit einer VISA Karte! Du könntest ja mit Bargeld bezahlen - wenn der Schalter während der Mittagspause besetzt wäre ... MUAHAHAHA"
Ja, so Automaten können echt gemein sein, wobei nur die ersten beiden Sätze wortwörtlich in der Anzeige standen. Der Rest war jetzt mehr Interpretation.

Also nochmals quer durch die Stadt zum E.Leclerc Drive. Da habe ich nämlich gestern schon Benzin bekommen. Die haben nämlich einen Schalter, in dem tatsächlich eine Person sitzt. Und die nimmt Bargeld und VISA!
Doch leider haben die auch knapp 12 Stationen und nur eine einzige Kasse. Und an der diskutiert ein Mann "was auch immer" und nimmt den Schalter für knapp 10 Minuten allein in Besitz. Ich bewundere die Geduld der Franzosen, nicht ein einziger hupt, nicht ein einziger Fausthieb beschleunigt die Diskussion.
Und während die tiefgefrorenen Krabben im Motorradkofferraum so langsam auftauen, bin ich heilfroh, dass ich sie heute zubereiten wollte. Denn ansonsten könnte ich sie wegwerfen.
Schon witzig: der gute Bordeaux, der weitaus mehr pro Liter kostet als Benzin ist weniger bewacht und einfacher zu erhalten. Vielleicht weil die Franzosen mehr Bordeaux als Benzin haben?

Zu Hause gibt es erst einmal als Zwischenstärkung ein Käse-Schinken Baguette mit Moutard de Dijon. Muss nämlich weg. Das Baguette. Und der Senf. Und der Käse. Und der Schinken sowieso. Zur Verdauung ein wenig in der Sonne dösen, bis die Uhr dann das Signal zum abendlichen Kochen gibt. Ich muss ...

Es gibt Spaghetti mit Krabben in Kokossauce (leicht abgewandelt wegen der nicht vorhandenen Zutaten) und als Nachtisch Honigmelone. Und als Nachtisch des Nachtischs eine Tasse Kaffee.

Während des Kochens habe ich dann - wie es sich gehört - die Uhr abgezogen. Und dabei habe ich mir vorgenommen, sie während der restlichen Tage auch nicht mehr an zu ziehen. Vielleicht komme ich dann endlich mal in Urlaubsstimmung: ich tue etwas dann, wann ich meine, dass es Zeit ist. Und nicht, wann mir die Uhr sagt, wann ich etwas tun soll. Ich habe nämlich Urlaub, ich muss nichts ...

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